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Die Polyvagal-Theorie


Unsere neurobiologische Reaktion auf Reize unserer Umgebung wird beeinflusst durch unser autonomes Nervensystem, welches sich nach Porges Polyvagal-Theorie, in drei Subsysteme gliedern lässt:

  1. Der ventral-parasympathische Zweig des Vagusnerves (System soziales Engagement)
  2. Das sympathische System (Kampf – Flucht)
  3. Der dorsal- parasympathische Zweig des Vagusnerves (Immobilisierungsreaktion).

Evolutionsgeschichtlich ist das System sozialen Engagements das jüngste und komplexteste der drei oben genannten Systeme unseres autonomen Nervensystems und entspricht der Zone optimalen Arousals. Es ist dafür verantwortlich, dass wir schnell auf unsere Umgebung eingehen und rasch mit anderen Menschen in Beziehung treten können. Gleichzeitig ist es in der Lage, unsere z.B. Herzfrequenz zu regulieren, ohne das hierfür das sympathische Nervensystem aktiviert werden muss. Das System sozialen Engagements steuert mittels des Musculus orbicularis oculi die Augenlider, ausserdem umfasst es die Mittelohrmuskeln, Kehlkopfmuskeln, Kaumuskeln sowie diejenige Muskulatur, welche für das Kippen und Drehen unseres Kopfes verantwortlich ist. All dies dient der Filterung sozialer Reize und ermöglicht es uns, mit unserer sozialen Umgebung in Verbindung zu treten. Wir erkennen u.a. die Prosodie (=Betonung, Rhythmus, Intonation) menschlicher Stimmen und können den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers beobachten und zuordnen. Befinden wir uns in nicht-bedrohlichen Situationen, dann hilft uns dieses System, uns flexibel anzupassen, soziale Beziehungen aufzubauen und positive Bindungen einzugehen.

Erweisen sich derartige Bemühungen in bestimmten Situationen jedoch als zwecklos, aktiviert das System sozialen Engagements automatisch unser sympathisches Nervensystem, welches etwas primitiver und unflexibler ist. Kommt dieses zum Einsatz, wird das Arousal erhöht (Bereich des Hyperarousals) und unsere Überlebensmechanismen werden aktiviert. Unser Körper mobilisiert hierbei sämtliche ihm zur Verfügung stehende Energie und bereitet sich auf eine starke Aktivität vor. Dadurch wird z.B. unsere Atmung vertieft und beschleunigt, unsere Herzfrequenz steigt an, Blut aus der Oberfläche fließt in unsere Muskeln, wohingegen die Blutzufuhr zum Kortex verringert wird, unsere Wachsamkeit gegenüber unserer Umgebung wird erhöht und Körpersysteme die wir gerade nicht benötigen (z.B. Verdauung, Sexualtrieb) werden heruntergefahren. Wir sind bereit zu kämpfen oder fliehen. Führt dieses Verhalten zum Erfolg, reduziert sich einerseits das Ausmaß der Bedrohung und andererseits werden die entsprechenden Botenstoffe, die ausgeschüttet wurden im Rahmen der Alarmreaktion (z.B. Adrenalin, Cortisol), abgebaut. Dies führt dazu, dass das Arousal wieder in den optimalen Zustand zurückfällt.

Wenn beide bisher erläuterten Systeme jedoch versagen, wird schließlich der dorsal-parasympathische Zweig des Vagusnerves aktiviert (der nicht-myelinisierte Zweig), welches gleichzeitig das primitivste und älteste System darstellt. Aktiviert wird dieser Zweig u.a. durch Hypoxie (also Sauerstoffmangel in den Körpergeweben), die Wahrnehmung, zu sterben oder intensiven und permanenten Stress. Es kommt zu einem Absinken des Arousals  in die Hypo-Arousal-Zone, zum Absenken der Herz- und Atemfrequenz, zur Muskelentspannung sowie zu Gefühlen von Taubheit und Distanz (Dissoziation). Weiterhin scheint unsere Stimme wie erstickt zu sein, so dass wir nicht in der Lage sind, zu schreien. Seine Überlebenssicherungsstrategie ist die Immobilisation, also das Erstarren bzw. Totstellen und durch die Einschränkung vieler Körperfunktionen soll Energie erhalten werden.

Was passiert, wenn das System sozialen Engagements blockiert ist? Mehr zu diesem spannenden Thema erfahren Sie auf meiner Homepage: http://traumata-verstehen-lernen.jimdo.com/trauma-und-körper/die-polyvagal-theorie/

 
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Verfasst von - 21. Oktober 2016 in PTBS, Trauma, Uncategorized

 

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Exterozeption und Interozeption


Am Anfang der Kette stehen immer erst einmal sensorische Informationen, welche wahrgenommen werden. Hierfür ist unser sensorisches Nervensystem zuständig. Einerseits nimmt es mittels unserer fünf Sinnesorgane (Augen, Ohren, Nase, Zunge und Haut) Informationen aus unserer Umwelt auf, in diesem Fall sprechen wir von der sogenannten Exterozeption. Auf der anderen Seite nimmt der interozeptive Teil die Informationen aus dem Inneren des Körpers auf. Hierzu zählt das kinästhetische Empfinden (=Lage des Körpers im Raum), das innere Empfinden (z.B. Herzfrequenz, Atmung, Körpertemperatur, Muskelspannung, Organempfindungen) und der Gleichgewichtssinn.

Exterozeption:

Von Exterozeption sprechen wir, wenn es um die Aufnahme von Informationen aus der Umwelt, mittels unserer fünf Sinne geht. Dieser Prozess kann in zwei Teilprozesse gegliedert werden:

  1. Den physischen Akt der Aufnahme von Sinneseindrücken und
  2. Die persönliche / individuelle Wahrnehmung des einzelnen sensorischen Inputs (Cohen, 1993).

Sensorische Reize, die über unsere Sinne wahrgenommen werden, gelangen in Form von elektrischen Impulsen zunächst undifferenziert ins Gehirn. Da dies in der Regel unendlich viele Reize sind, müssen diese im Anschluss gefiltert, gehemmt oder verstärkt sowie mit bereits vorhandenen Informationen abgeglichen werden. Mit Hilfe dieser Prozesse (+ dem sogenannten Orientierungsreflex) wird es möglich, unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte, für uns relevante Reize zu richten und andere Reize unbeachtet zu lassen. Somit spielen vorherige ähnliche sensorische Stimuli und unsere damit verbundenen emotionalen Reaktionen und Überzeugungen, eine entscheidende Rolle für die Aufnahme und Verarbeitung aktueller und neuartiger Reize. In diesem Zusammenhang spielt die sogenannte Priming-Funktion eine entscheidende Rolle, welche v.a. bei traumatisierten Personen häufig dysfunktional ist. Das bedeutet, dass sie wiederholt sensorische Informationen wahrnehmen, die sie mit dem traumatischen Erlebnis verbinden. Dabei übersehen sie jedoch oft, dass es gleichzeitig noch weitere sensorische Hinweise gibt, welche ihnen anzeigen, dass sie sich aktuell nicht in Gefahr befinden.

Für die Traumabehandlung spielt dieser Prozess insofern eine Rolle, dass es peritraumatische sensorische Verzerrungen gibt, mit denen sich die Betroffenen auseinandersetzen müssen. Außerdem gehört die Bearbeitung posttraumatischer intrusiver sensorischer Erinnerungsfragmente unverzichtbar zur Behandlung von Traumata.

Interozeption:

Veränderungen in unserem Körper nehmen wir als inneres (somatisches) Empfinden wahr, dazu zählen u.a. Veränderungen durch Bewegungen in unseren Sehnen, Bändern und Muskeln, biochemische Veränderungen oder Veränderungen der Atmung und Herzfrequenz.

Diese Art „sechster Sinn“ ist das Resultat der Aktivität unserer Interozeptoren, also denjenigen Nerven, welche Informationen aus unserem Körperinneren wahrnehmen und weiterleiten. Zu den Interozeptoren gehören u.a. :

  1. die sogenannten Propriozeptoren, welche uns Aufschluss über die Position unseres Körpers im Raum liefern,
  2. die Nozizeptoren, die Schmerzreize übermitteln,
  3. Thermozeptoren, die verantwortlich für die Wahrnehmung von Temperaturen sind,
  4. Das Vestibularsystem, welches unser Gleichgewichtsempfinden kontrolliert
  5. Und unser viszerales Empfinden (Enterozeption), welches uns Informationen über die Bewegungen in unseren inneren Organen vermittelt (z.B. Übelkeit, Hungergefühl, Herzrasen).

Im Normalfall laufen die Informationen der Interozeption wie somatisches Hintergrundrauschen ab, d.h. wir sind uns dessen nur selten bewusst, obwohl es immer vorhanden ist. Wenn wir jedoch unsere Aufmerksamkeit bewusst darauf lenken, dann wird es uns möglich, unsere Atmung oder unseren Herzschlag zu spüren.

Nehmen wir die somatischen Empfindungen wahr, können sie unsere Emotionen und Kognitionen beeinflussen. So kann beispielsweise ein schneller schlagendes Herz wahrgenommen und mit Angst in Verbindung gebracht werden oder aber mit einer erhöhten körperlichen Anstrengung. Und je nachdem wie es gedeutet wird, beeinflusst dies unsere emotionale Reaktion, die unweigerlich mit der körperlichen Empfindung verbunden ist.

Personen die ein Trauma erlitten haben, fühlen entweder zu viel oder zu wenig (van der Kolk, 2000). So können innerkörperliche Empfindungen als etwas sehr schmerzhaftes und überwältigendes wahrgenommen werden sowie als Hinweis auf eine akute Gefahr gedeutet werden. Hinzu kommt der Fakt, dass unter Stress die interozeptiven Empfindungen deutlich verstärkter wahrgenommen werden (Cameron, 2001). Auf der anderen Seite leiden einige Traumatisierte jedoch auch unter einer sogenannten Alexisomie, d.h. unter der Unfähigkeit, Körperempfindungen wahrzunehmen oder verbal zu formulieren (z.B. „Ich spüre meinen Körper nicht.“).

Mehr Informationen rund um das Thema Trauma und sensorisches Nervensystem finden Sie auf meiner Homepage: http://traumata-verstehen-lernen.jimdo.com/trauma-und-körper/das-sensorische-nervensystem/

 
 

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Die Orientierungsreaktion


Stellen sie sich einmal folgende Situationen vor:

  1. Sie sitzen mit einer guten Freundin gemütlich in einem schönem Restaurant beim Essen. Sie unterhalten sich angeregt miteinander. Plötzlich hören Sie hinter einen lauten Knall.
  2. Sie fahren mit Ihrem Auto über eine Kreuzung. Plötzlich werden sie von einem anderen Fahrzeug gerammt.
  3. Sie liegen Nachts in ihrem Bett und schlafen. Auf einmal vernehmen sie ein Geräusch in Ihrer unmittelbaren Umgebung. Sie öffnen die Augen und sehen einen fremden Mann mit einem Messer neben sich am Bett stehen.
  4. Sie haben vor sich ein ziemlich langweiliges und sehr kompliziert geschriebenes Fachbuch liegen, durch welches Sie sich durcharbeiten müssen, da die darin enthaltenen Informationen in der nächsten Prüfung abgefragt werden.
  5. Sie haben Kinder, die gerade allein und lautstark im Kinderzimmer spielen, während sie die Wäsche aufhängen. Auf einmal nehmen sie wahr, dass keine Geräusche mehr aus dem Kinderzimmer zu vernehmen sind.

 

Was haben alle diese Situationen nun gemeinsam? Richtig, sie lösen den sogenannten Orientierungsreflex aus. Hierbei handelt es sich um einen automatisch ablaufenden, unwillkürlichen Bottom-Up -Prozess, der unser Überleben sichern soll. Er tritt immer dann auf, wenn wir neuartige, unvorhersehbare, sehr komplexe oder für uns persönlich relevante Reize bzw. deren plötzliches Ausbleiben wahrnehmen. Er kann sowohl im Wachzustand, wie auch im Schlaf ausgelöst werden. Wir benötigen die Orientierungsreaktion, um diese Reize wahrzunehmen, weitere Informationen über diese zu sammeln und sie schließlich zu bewerten (als neutrale, positive oder bedrohliche Reize). Der Orientierungsreflex wirkt auf zwei Arten: einerseits hat er eine hemmende Wirkung, dies zeigt sich darin, dass gerade ablaufendes Verhalten kurzzeitig unterbrochen wird. Andererseits wirkt er jedoch auch aktivierend, da bestimmte Bewegungen und Rezeptororgane stimuliert werden, um somit das weitere Sammeln wichtiger Informationen der Situation zu begünstigen. Hierbei wird das Bewusstseinsfeld stark eingeschränkt und es kommt zur Fokussierung der Aufmerksamkeit.

Traumatisierte Personen haben oft Schwierigkeiten mit ihrer Aufmerksamkeit, d.h. sie sind entweder hypervigilant und suchen unaufhaltsam ihre Umgebung nach Gefahren ab, wodurch eine Fokussierung auf bestimmte Reize unmöglich wird, oder sie fokussieren sich fast zwanghaft auf einen bestimmten Reiz, wodurch sie weitere relevante Reize nicht mehr wahrnehmen können.

Unsere eigenen Überzeugungen spielen bei der Suche nach neuen Informationen eine große Rolle. Wenn wir also glauben, ein bestimmter Reiz sei gefährlich, weil wir in der Vergangenheit eine traumatische Erfahrung gemacht haben, dann führt dies in der Regel dazu, dass wir uns viel häufiger auf diese für uns potentiell gefährlichen Reize hin orientieren.

Die Orientierung kann hierbei offen oder verdeckt stattfinden. Von einer offenen Orientierungsreaktion sprechen wir, wenn es zu sichtbaren physischen Handlungen kommt, dazu zählen u.a. die Drehung des Kopfes oder Körpers sowie Augenbewegungen. Diese Handlungen werden in der Regel automatisch, reflexhaft und unabhängig vom Bewusstsein ausgelöst, sobald ein z.B. unerwarteter oder neuartiger Reiz auftaucht. Sie kann jedoch auch Top-down-Komponenten umfassen, was bedeutet, dass wir uns auch bewusst dazu entscheiden können, unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Objekte auszurichten und zu fokussieren (siehe Beispiel 4).

Die verdeckte Orientierung läuft weitestgehend ohne muskuläre Veränderungen ab und ist daher von außen nur schwer erkennbar. Sie äußert sich beispielsweise in einer leichten Veränderung des Gesichtsausdrucks oder einem veränderten Winkel in der Kopfhaltung.

Offene und verdeckte Orientierung stehen eng miteinander in Verbindung, können jedoch auch unabhängig voneinander auftreten. Während wir uns also beispielsweise einem Redner auf der Bühne offen zuwenden, können wir uns gleichzeitig z.B. innerlich mit intrusiven Bildern unseres traumatischen Erlebnisses befassen oder anderen Gedanken nachgehen oder unsere Aufmerksamkeit auf unsere Herzfrequenz richten, in der Befürchtung, einem Herzinfarkt zu erliegen.

Uns schnell und angepasst orientieren zu können auf das Hier und Jetzt ist entscheidend für unsere Informationsverarbeitung und die Integration der neu aufgenommenen Informationen. Permanent strömen Unmengen solcher Informationen auf uns ein daher ist es notwendig, diese zu filtern.

Die Fähigkeit zwischen Relevantem und Irrelevantem zu unterscheiden ist bei traumatisierten Personen häufig gestört (wir erinnern uns, sie nehmen entweder zu viel oder zu wenig auf). Dies verhindert jedoch eine adäquate Einschätzung der Situation, in der wir uns gerade befinden. So kann es passieren, dass wir einerseits gefahren-relevante Hinweisreize übersehen (Hypo-Arousal), während wir andererseits zu stark auf diese fixiert sind (Hyper-Arousal), und deshalb Stimuli, die uns signalisieren, dass wir nicht in Gefahr sind, einfach übersehen. Diese Fehleinschätzung führt wiederum dazu, dass unser zielgerichtetes Verhalten beeinträchtigt wird.

Mehr zu diesem spannenden Thema finden sie auf meiner Homepage zum Thema Trauma und Traumafolgestörungen: http://traumata-verstehen-lernen.jimdo.com/trauma-und-körper/die-orientierungsreaktion/

 

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Posttraumatische Belastungsstörung


Die PTBS ist eine verzögerte Reaktion auf eine Situation oder ein Ereignis, welches aufgrund seiner außergewöhnlichen Bedrohung oder seinem katastrophenartigem Ausmaß bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.  Die Kernsymptome der PTBS sind:

  1. Intrusionen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks)
  2. eine erhöhte psychische Sensitivität oder Erregung, welche einhergehen kann mit Schlafstörungen, Wutausbrüchen, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhter Schreckhaftigkeit oder Hypervigilanz.
  3. Sicherheits- und Vermeidungsverhalten.

 

Wie entstehen nun aber die für die PTBS typischen Intrusionen? Und wie kommt es, dass sich einige Patienten nur unvollständig oder gar nicht mehr an relevante Aspekte der traumatischen Situation erinnern können?

 

Normalerweise werden Erinnerungen an Lebensereignisse in unserem autobiografischen Gedächtnis gespeichert und miteinander verknüpft. Es beinhaltet sowohl bestimmte Perioden unseres Lebens (z.B. „damals, als ich noch zur Schule ging…“), sehr allgemeine Ereignisse (z.B. „dann zog der neue Mann meiner Mutter bei uns ein…“)  wie auch spezifischere Ereignisse (z.B. „Er roch immer nach Moschus…“). Jede dieser Gedächtniskomponenten ist hierbei willentlich abrufbar. Außerdem können sie sich gegenseitig erregen.

 

Das autobiografische Gedächtnis (deklaratives Gedächtnis) ist ein Bestandteil des episodischen (expliziten) Gedächtnisses und speichert langanhaltend bewusst abrufbare Kontextinformationen.  Es beinhaltet demnach Informationen über die Zusammenhänge eines Ereignisses, wie z.B. Zeit, Ort und Ablauf des Geschehens. Es wird auch als „kaltes Gedächtnis“ bezeichnet und ist im Gegensatz zum „heißen Gedächtnis“ nicht in Form von assoziativen Netzwerken angelegt. Das non-deklarative Gedächtnis („heißes Gedächtnis“) , welches ebenfalls Bestandteil des episodischen Gedächtnisses ist, speichert Abbildungen des Erlebten in Form von sensorisch-perzeptuellen Details und emotionalen Dispositionen. Um sich als eigenständige Person mit all ihren Persönlichkeitsfacetten, Verhaltensweisen, Gefühlen und Entscheidungen wahrnehmen zu können benötigen wir eine vollständige und konsistente Autobiografie.

 

Verschiedene Ereignisse in unserem Leben sind unterschiedlich relevant und erhalten somit auch einen unterschiedlichen Stellenwert in unserer Autobiografie. Deshalb sind Erlebnisse die mit starken Emotionen verbunden sind, oft über viele Jahre hinweg gut erinnerbar. Auch kritische Lebensereignisse sind zu bewältigen für das autobiografische Gedächtnis, da sie in einen Zusammenhang eingebettet werden können und somit verstanden werden (z.B. Trennungen, Tod eines geliebten Menschen).

 

Durchlebt nun eine Person jedoch ein stark traumatisches Ereignis,  kommt es dazu, dass sich die einzelnen Gedächtniskomponenten voneinander abspalten (dissoziieren). Das bedeutet, dass das explizite Gedächtnis nicht mehr mit den impliziten Erinnerungen (sensorische, kognitive, emotionale und physiologische Elemente der traumatischen Situation) verbunden ist. Das hat zur Folge, dass die Abspeicherung und Konsolidierung dieses traumatischen Ereignisses ins Langzeitgedächtnis massiv gestört und behindert ist. Das Trauma kann somit nicht in die eigene Biografie eingebettet werden.

sensorischer Input (traumatisches Ereignis) –> Thalamus:

 

Kommt es zu einem traumatischen Ereignis, so wird unser Körper mittels einer Stressreaktion in Alarmbereitschaft versetzt. Dazu wird als erstes die Situation wahrgenommen (visuell, akustisch, gustatorisch, olfaktorisch, kinästhetisch) und diese Informationen werden an den Thalamus weitergeleitet.

 

Der Thalamus ist unter anderem dafür verantwortlich, dass die sensorischen Informationen richtig zu den nachgeschalteten limbischen und cortikalen Strukturen gelangen. Er hat somit eine Modulations- und Filterfunktion. Kommt es nun aufgrund eines traumatischen Ereignisses zu Extremstress, kann dies zur Folge haben, dass es durch den Thalamus zu einer Einengung des Wahrnehmungsfeldes kommt sowie zu einer Fokussierung auf gefahrenrelevante Reize, wobei die peripheren Kontextaspekte außen vor bleiben. Im nächsten Schritt werden die Informationen des Thalamus weitergeleitet an die limbischen Strukturen der Amygdala.

 

 Thalamus –> Amygdala:

 

Die Amygdala fügt nun den sensorischen Informationen eine emotionale Wertigkeit hinzu und ist verantwortlich für die Speicherung der emotionalen Erinnerungen. Außerdem ist sie an der Kontrolle des affektiven Arousals beteiligt. Die noradrenerge Stimulierung des basolateralen Nucleus spielt bei der Gedächtniskonsolidierung eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig arbeitet die Amygdala eng zusammen mit dem Hippocampus. Kommt es nun zu einem extremen emotionalen Arousal, wird die hippocampale Funktion gehemmt und die Erinnerungen werden nur als affektive Zustände (Repräsentationen) vorrangig in visuellen Bildern und somatischen Sensationen encodiert, ohne entsprechende Kontextinformationen. Es kommt also zu einer besonders intensiven Speicherung der „heißen“ Gedächtniselemente und es entsteht ein Furchtnetzwerk welches deutlich größer ist und stärkere Verbindungen besitzt, als es bei nicht-traumatischen Netzwerken der Fall ist. 

Innerhalb des Furchtnetzwerkes besteht also eine enge Verknüpfung der einzelnen Elemente. Sobald nun einige dieser Repräsentationen aktiviert werden führt das bereits, wie bei einem sich ausbreitendem Flächenbrand, zu einer Aktivierung des gesamten Netzwerkes. Jedes weiteres Erlebnis, durch welches das Furchtnetzwerk aktiviert wurde, wird anschließend in dieses mit eingebaut. Eine Erklärung hierfür liefert die Hebb´sche Lernregel, welche besagt, dass Zellen die gleichzeitig aktiv sind, sich miteinander verknüpfen. Das bedeutet, dass das Furchtnetzwerk immer größer wird, aber eine gleichzeitige Aktivierung autobiografischen Kontexts immer unwahrscheinlicher. Dies erklärt, warum es traumatisierten Personen so schwerfällt das Erlebte in Form einer in sich konsistenten Narration  widerzugeben. Und mit jedem Mal, wenn wir uns erinnern, verändern wir die gegenseitige Erregungsstärke der jeweiligen Zellverbände. Die einzelnen Verbindungen  scheinen hierbei stark löschungsresistent zu sein. Das Resultat des ungehemmten Feuerns der gesamten Furchtstruktur  ist nun ein intrusives Wiedererleben und Flashbacks. Da ihnen jedoch das Kontextwissen zu diesem Ereignis fehlt (aufgrund der fehlenden Verbindung mit dem autobiografischen Gedächtnis), also sie es nicht räumlich und zeitlich einordnen können, entsteht für die betroffenen Personen das typische Hier- und-Jetzt- Gefühl. Gleichzeitig wird der Körper immer wieder in Alarmbereitschaft versetzt, so dass das Gefühl einer weiterbestehenden Bedrohung entsteht. Die schnelle Alarmreaktion kommt zustande durch die Aktivierung der HPA-Achse im Hypothalamus und des noradrenergen Systems.

Unter normalen Umständen würde in einem nächsten Schritt der Abgleich der emotional getönten Erinnerungen der Amygdala mit dem Kontextwissen des Hippocampus erfolgen und es würde eine differenzierte emotional-kognitive Erfahrung entstehen. Das bedeutet, dass das Ereignis, welches starke Emotionen hervorruft, räumlich und zeitlich eingeordnet wird und überprüft wird, ob eine tatsächliche Gefahr besteht. Wenn dies nicht der Fall ist, hemmt der Hippocampus die Alarmreaktion (Stressreaktion) und die Angst flacht nach einiger Zeit wieder ab.

Amygdala –> Hippocampus:

Der Hippocampus überführt nun also die Informationen aus der Amygdala in unser deklaratives Gedächtnis. Hierdurch werden die Informationen semantisch-sprachlich verfügbar (erzählbar). Kommt es nun aber aufgrund eines  belastenden traumatischen Erlebnisses zu Extremstress, wird die Funktion des Hippocampus gehemmt und die Erfahrungen können nicht mehr explizit erinnert werden. Eine weitere Folge von andauernder neuronaler Übererregung sind zytotoxische Prozesse, hippocampale Atrophien sowie eine chronische Dysregulation der HPA-Achse.

 

 Zusammengefasst und anders erklärt:

Im Normalfall werden die Ergebnisse der kognitiven (Hippocampus) und der emotionalen (Amygdala) Verarbeitung von Ereignissen integriert zu einer differenzierten kognitiv-emotionalen Erfahrung. Bei einer PTBS dissoziieren diese beiden Gedächtnisse jedoch, was dazu führt, dass der Hippocampus gehemmt und die Amygdala sensibilisiert wird. Hierdurch dominieren die emotionalen Prozesse und es laufen wiederholt Alarmreaktionen (präfrontaler Cortex) ab. Durch die Aktivierung des Verhaltenshemmsystems (BIS) werden zusätzlich sämtliche zielgerichtete Handlungsimpulse gehemmt, da weder Kampf noch Flucht aussichtsreich erscheinen.

Weitere interessante Informationen rund um das Thema PTBS finden sie auf meiner Homepage:

http://psychowissen.jimdo.com/posttraumatische-belastungsstörung/

 
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Verfasst von - 4. Juli 2016 in PTBS, Uncategorized

 

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Testimony-Therapie


Bei der Testimony-Therapie handelt es sich um ein Kurzzeittherapieverfahren zur Behandlung traumatisierter Überlebender von politischer Gewalt. Ursprünglich wurde es entwickelt um die Verfolgten des Pinochet-Regimes in Chile zu behandeln (Cienfuegos, 1983).  Heute wird sie v.a. zur Behandlung von Überlebenden staatlicher Gewalt eingesetzt.  Da die traumatischen Erlebnisse oft nur sehr schlecht, bruchstückhaft und zum Teil sogar widersprüchlich im autobiografischen Gedächtnis repräsentiert sind ist ein Hauptschwerpunkt dieser Therapieform, diese zum Teil sehr bruchstückhaften Erinnerungen zu rekonstruieren und zu einer zusammenhängenden und konsistenten Narration zu verarbeiten. Gleichzeitig sollen die Betroffenen an die Angst habituieren, indem sie sich immer wieder mit ihrem traumatischen Ereignis auseinandersetzen.

Um diese psychologischen Ziele zu erreichen, wird ein ausführliches biografisches Interview mit den Überlebenden geführt und schriftlich in Form eines Berichtes dokumentiert. Diese wird dann in der nächsten Sitzung dem Patienten vorgelesen, so dass dieser den Bericht vervollständigen bzw. korrigieren kann.  Das Ziel ist erreicht, wenn das traumatische Erlebnis in Worte gefasst wurde und als widerspruchsfreier und lückenloser Bericht in die eigene Autobiografie integriert werden konnte.

Ein weiteres Ziel dieser Therapieform ist politischer Natur. So kann dieser entstandene Bericht an Menschenrechtsorganisationen weitergeleitet werden, um u.a. auf Verletzungen der Menschenrechte aufmerksam zu machen oder die Vergangenheit juristisch aufzuarbeiten. Die psychologische Zielsetzung hat jedoch immer Vorrang.

Nachteil: Bisher wurde kein Wirksamkeitsnachweis in kontrollierten Studien erbracht.

 
 

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IRRT nach Schmucker


IRRT – Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy

Bei der IRRT handelt es sich um eine spezielle Therapieform für Erwachsene, welche in der Kindheit Opfer sexuellen oder körperlichen Missbrauchs geworden sind (Typ-I & Typ-II-Traumatisierung). Sie wurde von Mervyn Schmucker in den 1980er und 1990er Jahren entwickelt. In den letzten Jahren wurde diese Methode auch erfolgreich auf weitere Anwendungsgebiete, wie z.B. Angst, Depression und komplizierte Trauerreaktionen, angewendet.

Das Charakteristische dieses kognitiv-behavioralen Verfahrens ist, dass es Methoden der Konfrontation in-sensu kombiniert mit dem Aufbau von imaginativen Bewältigungsbildern. Hierdurch soll es zu einer Neubewertung der vorhandenen dysfunktionalen traumarelevanten Schemata kommen. Der Ablauf erfolgt in drei Phasen:

  1. Phase Konfrontation in-sensu: Hierbei wird der Patient mit seinen intrusiven Erinnerungen konfrontiert, indem er diese verbalisieren soll. Hierdurch soll sein gesamtes Erinnerungsnetzwerk (Emotionen, Kognitionen, Bilder) aktiviert und dem Verarbeitungsprozess zugeführt werden. Das zentrale Ziel des ersten Wiedererlebens des traumatischen Erlebnisses ist eine Habituation an die Angst.
  2. Phase Konfrontation des Täters: In dieser Phase soll der Täter imaginativ mit seiner Tat konfrontiert und hierdurch entmachtet werden. Hierfür wird das AKTUELLE ICH in den Verarbeitungsprozess eingeführt. Das Ziel dieser Intervention ist es, die erlebte Hilflosigkeit und Machtlosigkeit sowie den Kontrollverlust während der Traumatisierung zu modifizieren.
  3. Phase Erwachsene-Kind-Bewältigungsbilder: Nachdem der Täter vom AKTUELLEN ICH entmachtet wurde, soll sich das traumatisierte KIND mit dem AKTUELLEN ICH versöhnen. Dieser Schritt ist wichtig, um z.B. selbstabwertende Schemata der Patienten zu verändern. Ein typisches Beispiel hierfür sind Schuldgefühle, sich u.a. nicht genug gewehrt zu haben und somit selbst Schuld an dem Missbrauch zu sein.

 

Weitere Informationen zu diesem spannenden Thema finden sie auf meiner Webseite:

http://psychowissen.jimdo.com/irrt-nach-schmucker/

 
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Verfasst von - 21. Juni 2016 in PTBS, Uncategorized

 

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Training emotionaler Kompetenzen (TEK) nach Berking


Häufig leiden Menschen mit psychischen Störungen auch unter Emotionsregulationsschwierigkeiten. Bei der Emotionsregulation handelt es sich um Prozesse, welche die Art, Intensität und Dauer von Gefühlen beeinflussen, um eine handlungsförderliche Gefühlslage (z.B. Freude) herzustellen bzw. beeinträchtigende Emotionen (wie z.B. Wut, Ärger, Scham) zu unterbinden. Man unterscheidet hierbei zwischen einer intrapsychischen und einer interpsychischen Regulation. Intrapsychische Regulation bezieht sich dabei auf die eigenständige Emotionsregulation und interpsychisch auf die Art der Regulation, an der andere Personen unterstützend beteiligt sind (z.B. Psychotherapeuten).
Defizite in der Emotionsregulation tragen oft zur Aufrechterhaltung von psychischen Störungen bei und sollten deshalb behandelt werden. Mittlerweile gibt es verschiedene Therapiemaßnahmen um die emotionale Kompetenz zu verbessern. Dazu zählen u.a. die Akzeptanz und Commitment Therapie (ACT) nach Hayes, Strohsal & Wilson (1999) oder die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan (1993). Ein weiterer Ansatz ist das Training emotionaler Kompetenzen (TEK) nach Berking (2008).
Dieses Training vereint achtsamkeitsbasierte und praktisch veränderungsorientierte Verfahren zu einem für die Patienten und Therapeuten nachvollziehbarem und leicht verständlichem Konzept.
Insgesamt beruht das TEK-Training auf 7 Schritten, welche einen konstruktiven Umgang mit aversiven (negativen) Gefühlen vermitteln sollen:
1. Muskelentspannung
2. Atementspannung
3. Bewertungsfreie Wahrnehmung
4. Akzeptieren und Tolerieren
5. Effektive Selbstunterstützung
6. Analysieren
7. Regulieren

Schritt 1: Muskelentspannung
Bei anhaltendem Stresserleben wird die Amygdala aktiviert, was zu einer erhöhten Anspannung unserer Muskulatur führt. Indem wir unsere Muskulatur bewusst entspannen, signalisieren wir unserer Amygdala, dass keine Gefahr mehr droht und sie ihre Aktivität herunterfahren kann.

Schritt 2: Atementspannung
Ein zweites wichtiges Körpersignal, was unsere „Amygdala“ beruhigen kann, ist unsere Atmung. In Gefahrensituationen erhöht sich unsere Atemfrequenz. Daher ist es wichtig, bewusst ruhig und gleichmäßig zu atmen um die Erregung der Amygdala zu reduzieren.

Schritt 3: Bewertungsfreie Wahrnehmung
Wenn wir etwas wahrnehmen, neigen wir in der Regel dazu, es sofort zu bewerten. Dies führt häufig dazu, dass wir uns in schwierige Situationen hineinsteigern oder immer wieder ins Grübeln verfallen. Darum ist es wichtig, belastende Situationen zuerst einmal unvoreingenommen zu betrachten und dabei seine eigenen Gefühle objektiv erkennen und benennen zu können. Dies wirkt oft entlastend, da man dann entscheiden kann, ob das jeweilige Gefühl überhaupt zur aktuellen Situation passt. Wichtige Interventionen an dieser Stelle sind Achtsamkeitsübungen.

Schritt 4: Akzeptieren und Tolerieren
Akzeptanz bedeutet, dass wir lernen unsere jeweiligen Gefühle und Reaktionen auszuhalten und eine möglichst positive Einstellung ihnen gegenüber zu entwickeln. Auch negative Gefühle haben einen bestimmten Zweck und Sinn. Und häufig ist es doch so, dass man bereits in der Vergangenheit viele solcher negativen Emotionen „überlebt“ hat, sich dessen nur nicht mehr bewusst ist. Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass Gefühle nur eine begrenzte Zeit vorhanden sind. Ein Signal was dauerhaft schrillt, verliert schließlich irgendwann seinen Signalcharakter. Wichtig ist es daher, sich genau diesen Aspekt immer wieder zu verdeutlichen.

Schritt 5: Effektive Selbstunterstützung
Wenn wir in emotional belastende Situationen geraten, neigen wir oftmals dazu uns selbst zu kritisieren und abzuwerten. Damit geraten wir immer tiefer in den Teufelskreis hinein. Daher ist es wichtig zu lernen, sich selber Mut zuzusprechen und Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln.

Schritt 6: Analysieren
Ebenso wichtig ist es, seine Emotionen analysieren zu können. Oftmals verdecken sekundäre Emotionen unsere eigentlichen, dahinterliegenden Gefühle (z.B. Schuld für Ärger). Wenn wir verstehen welche Gefühle alles an der jeweiligen Reaktion beteiligt sind, fällt es uns leichter, geeignete Bewältigungsstrategien zu aktivieren.

Schritt 7: Regulieren
Im letzten Schritt geht es nun darum, unsere emotionale Reaktion aktiv zu verändern in eine gewünschte Richtung. Es wird dazu ein Zielgefühl entwickelt welches besser zur jeweiligen Situation passt und anschließend einzelne Schritte erarbeitet, wie wir zum jeweiligen Zielgefühl gelangen können.

Quelle:
Berking, M. Training emotionaler Kompetenzen-TEK-Schritt für Schritt. Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

 

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