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Konsistenztheorie nach Grawe


Klaus Grawe hat mit seiner Konsistenztheorie (2000, 2004) versucht, das psychische Funktionieren des Menschen vor dem Hintergrund der Befriedigung psychologischer Grundbedürfnisse, zu erklären. Er bemühte sich hierbei, seine Theorie erfahrungswissenschaftlich zu untermauern.

Grawe zufolge streben alle Organismen nach Konsistenz, d.h. nach einer Passung zwischen den inneren Bedürfnissen (psychische Prozesse) und dem Erleben in der Realität (neuronale Prozesse). Je höher die Konsistenz ist, desto gesünder ist der Organismus. Neben dem Streben nach Konsistenz, welches auf der Systemebene abläuft, unterscheidet Grawe drei weitere Ebenen:

Die erste Ebene bilden hierbei die Grundbedürfnisse, deren Befriedigung die größte Wichtigkeit hat. Grawe geht davon aus, dass es insgesamt vier Grundbedürfnisse gibt:

1. Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
2. Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung
3. Bedürfnis nach Bindung
4. Bedürfnis nach Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung.

Die Grundbedürfnisse sind universell bei jedem Menschen zu finden. Die Methoden und Wege, diese Grundbedürfnisse zu befriedigen, sind jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Sie sind u.a. abhängig von seinen Sozialisationserfahrungen.

Auf der nächsten Ebene finden sich daher die sogenannten motivationalen Schemata, welche sich im Laufe der Entwicklung, in Interaktion mit der Umwelt, bei allen Menschen entwickeln. Diese lassen sich unterteilen in:

1. Intentionale Schemata (Annäherungsziele) und
2. Vermeidungsschemata (Vermeidungsziele).

Die Annäherungsziele dienen dazu, die Grundbedürfnisse der Person zu befriedigen. Die Vermeidungsziele hingegen dienen dem Schutz vor Bedrohung, Verletzung oder Frustration der Grundbedürfnisse. In der Regel sind beide Systeme gleichzeitig aktiv und der Organismus strebt nach einer optimalen Bilanz zwischen allen aktivierten motivationalen Zielen. Die einzelnen Schemata können jedoch auch sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein bei verschiedenen Menschen, je nachdem, welche prägenden Erfahrungen sie gemacht haben. So gibt es Menschen mit besonders stark entwickelten Vermeidungszielen und wieder andere, deren Annäherungsziele überwiegen.

Diskordanz liegt dann vor, wenn Schemata bzw. Ziele untereinander in Konflikt geraten, d.h. wenn z.B. Annäherungs- und Vermeidungsziele gleichzeitig aktiviert werden und sich dadurch gegenseitig hemmen. Die motivationalen Konflikte können jedoch auch untereinander (Annäherungs-/ Annäherungskonflikt, Vermeidungs-/ Vermeidungskonflikt) bestehen.

Auf der dritten Ebene werden die motivationalen Ziele mit den realen Wahrnehmungen abgeglichen (Ebene des Erlebens und Verhaltens). Stimmen die Annäherungsziele und die realen Erfahrungen nicht überein, dann entsteht Inkongruenz. Das heißt, die motivationalen Ziele werden nicht erreicht. Hieraus resultieren u.a. negative Emotionen. Konsistenz entsteht dann, wenn Grundbedürfnisse ausgeglichen und motivationale Ziele erreicht werden. Ist das Ziel (Konsistenz) hingegen erreicht, kommt es zu positiven Emotionen.

Inkonsistenz ergibt sich aus Inkongruenz und Diskordanz und gilt als wichtiger Faktor bei der Entstehung psychischer Störungen.

Therapeutische Relevanz: Mit Hilfe der vertikalen Verhaltensanalyse oder Plananalyse können zu Beginn der Therapie Annäherungs- und Vermeidungsziele herausgearbeitet werden und hierdurch Inkonsistenzen und motivationale Konflikte aufgedeckt werden.
Grawe geht zudem davon aus, dass eine Therapie dann wirkungsvoll ist, wenn die Konsistenzerfahrung gesteigert wird. Dies geschieht auf zwei Arten:
1. Indem Inkongruenzquellen reduziert werden (d.h. zum Beispiel, motivationale Konflikte aufgelöst werden)
2. Und es zu bedürfnisbefriedigenden Erfahrungen kommt (d.h. Bedürfnisbefriedigung unter anderem durch komplementäre Beziehungsgestaltung).

Die Therapie nach der Konsistenztheorie wird auch als Neuropsychotherapie bezeichnet, weil sich die Veränderungsprozesse auch auf der neuronalen Ebene im Gehirn abzeichnen. Sichtbar gemacht werden kann dies u.a. mit Hilfe der Methode des Neurofeedbacks.

 

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Verfasst von - 12. Dezember 2017 in Psychotherapie, Uncategorized

 

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Wirkfaktoren der Psychotherapie (nach Grawe)


Aufgrund zahlreicher Meta-Analysen postulierte Klaus Grawe (2000), in einem schulenübergreifenden Modell, fünf allgemeine Wirkfaktoren von Psychotherapie:

1. Therapeutische Beziehung

Die Qualität der Beziehung zwischen Therapeut und Patient, also ob die Chemie zwischen beiden stimmt, trägt signifikant zum Therapieergebnis bei. Je besser die Qualität der Beziehung ist, desto besser ist das Therapieergebnis.

2. Problemaktualisierung

Unter Problemaktualisierung versteht man das Prinzip der unmittelbaren Erfahrung, d.h. die Probleme, die es therapeutisch zu verändern gilt, müssen im Hier und Jetzt erlebbar gemacht werden. Allein Gespräche über Erleben und Verhalten, ohne dass es in dem Moment auch prozessual abläuft, helfen nicht, Veränderungen herbeizuführen. Sie können jedoch nützlich sein, um eventuelle Veränderungen vorzubereiten. Damit diese dann jedoch auch stattfinden, braucht es den Moment des unmittelbaren Erlebens. In der Verhaltenstherapie kann dies mittels Expositionen erreicht werden, in der Psychoanalytischen Therapie geschieht dies mittels Übertragung und Gegenübertragung. Weitere Methoden sind z.B. Imaginationsübungen, Rollenspiele.

3. Ressourcenaktivierung

Nicht der Therapeut verändert den Patient, sondern der Patient selbst ist für seine Veränderung verantwortlich. Im Rahmen der Ressourcenaktivierung werden hierbei die bereits vorhandenen Ressourcen des Patienten nutzbar gemacht. Um dies zu erreichen, sollte die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, was der Patient bereits alles erreicht hat, was gut funktioniert hat, welche Stärken und Fähigkeiten er besitzt, auf welche Erfahrungen er zurückgreifen kann, was er bereits alles überwunden hat. Die Eigenarten, die der Patient mitbringt, können dann als positive Ressourcen für das therapeutische Vorgehen genutzt werden.
Ein mögliches Vorgehen stellt in der Verhaltenstherapie u.a. der „solution-talk“ (Lösungsorientierte Gesprächsführung) dar.

Die Ressourcenperspektive bestimmt das WIE der Veränderung, während die Problemperspektive das Was der Veränderung beschreibt.

4. Problembewältigung

Hierbei handelt es sich um die konkrete Handlungsorientierung. Mit Hilfe von problemspezifischen Maßnahmen soll der Patient darin unterstützt werden, im Umgang mit seinen Problemen, positive Bewältigungserfahrungen zu machen.
Dies geschieht beispielsweise dadurch, dass der Therapeut den Patienten in der Exposition begleitet.

5. Motivationale Klärung

Dies beinhaltet alle Vorgehensweisen, bei denen der Therapeut den Patienten unterstützt, sein Erleben und Verhalten in Bezug auf seine unbewussten und bewussten Ziele und Bedürfnisse zu verstehen. Auch hierbei ist die unmittelbare Erfahrung wichtig. Es geht jedoch weniger um äußere Abläufe, als vielmehr um alles, was in dem Patienten abläuft. Also was er wahrnimmt, denkt, fühlt, wie er handeln möchte bzw. was er vermeiden will. Methoden hierfür stellen zum Beispiel der Sokratische Dialog oder die 2-Stühle-Technik dar.

 

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Das Allgemeine Modell der Psychotherapie (AMP, Orlinsky & Howards, 1988)


Hierbei handelt es sich um ein schulenübergreifendes Modell aus der Psychotherapieforschung, welches auf empirischen Ergebnissen der Prozess-Ergebnis-Forschung, basiert. Im Rahmen der differenziellen Indikationsstellung sollen Angaben darüber gemacht werden können, welche Maßnahmen, bei wem, durch wen, wann, bei welchem Problem und unter welchen Bedingungen, zu welchen Ergebnissen führt.

Orlinsky & Howard (1988) waren der Auffassung, dass die Prognose einer Therapie allgemein, dann günstig ist, wenn es eine Passung der folgenden vier Faktoren gibt:
1. Das Behandlungsmodell des Therapeuten
2. Die Störung des Patienten
3. Therapierelevante Merkmale des Therapeuten
4. Therapierelevante Merkmale des Patienten.

Im Rahmen einer Psychotherapie kommt es in der Regel zu einer Interaktion zwischen (mindestens) zwei Personen, nämlich dem Therapeut und dem Patient, die in einem bestimmten Kontext stattfindet. Beeinflusst wird diese Interaktion sowohl durch das Leben und die Persönlichkeit des Therapeuten als auch des Patienten. Hinzu kommen Faktoren wie z.B. das therapeutische Setting (Klinik, Privatpraxis), das Versorgungssystem (u.a. Krankenversicherung), soziale Institutionen innerhalb des Versorgungssystems (z.B. Gerichte, gemeinnützige Institutionen) und außerhalb dessen (z.B. Familie des Patienten und Therapeuten, Freunde) sowie ökonomische oder politische Ereignisse (z.B. nationale Krisen).

Es zeigt sich, dass einerseits individuelle und kollektive Kontextfaktoren einen Einfluss auf das therapeutische Geschehen haben (input), andersherum aber auch der therapeutische Prozess einen Einfluss auf das Leben und die Persönlichkeit des Patienten (outcome) , den Therapeuten und die Gesellschaft ausübt (output).

Die drei Hauptkomponenten einer Psychotherapie sind demnach:
1. Rahmenbedingungen oder Inputvariablen (Versorgungssystem, Settingmerkmale, Patienten-/Therapeutencharakteristika)
2. Prozessmerkmale (Behandlungsmodell, Therapeuten-Patienten-Beziehung, Interventionen, Funktionsniveau von Therapeut und Patient, unmittelbare Auswirkung der einzelnen Therapiesitzung, Prozessablauf der Therapie)
3. Ergebnis- oder Outputvariablen (Effekte, soziale/personale Rahmenbedingungen und soziale Beziehungen).

Das Generic Modell of Psychotherapy von Orlinsky & Howard beschreibt zudem sechs Prozessfacetten, die die Wirksamkeit einer Psychotherapie beeinflussen:

1. Formale Beziehung (normativer bzw. organisatorischer Aspekt)

Die formale Beziehung beinhaltet den normativen Rahmen, wie zum Beispiel die sozialen Rollen oder Normvorstellungen. So kann es zum Beispiel bestimmte Vorstellungen davon geben, wie sich ein idealer Therapeut oder Patient zu verhalten hat. Außerdem werden hier die Rahmenbedingungen, unter denen die Therapie stattfindet, beschrieben (z.B. therapeutische Ausrichtung, Übereinstimmung hinsichtlich der Behandlungsziele und Klarheit bezüglich der Erwartungen, Sitzungsanzahl pro Woche, finanzielle Vereinbarungen, Eignung des Patienten für die Behandlungsform, Mitarbeit des Patienten).

2. Therapeutische Aktivitäten (technischer bzw. prozeduraler Aspekt)

Der prozedurale Aspekt erfasst (rollenabhängig) u.a., ob der Patient die Möglichkeit hat, sein Problem dem Therapeuten mitzuteilen (Problempräsentation), ob der Therapeut seine professionellen Fähigkeiten und sein Expertenwissen einsetzt, um das Problem des Patienten zu verstehen (Verständnis des Therapeuten), ob er auf Grundlage seines Fachwissens Vorschläge macht, wie mit dem Problem des Patienten umgegangen werden kann (Interventionen) und ob der Patient sich aktiv an der Umsetzung der Vorschläge beteiligt bzw. kooperiert (Kooperation des Patienten).

3. Informelle Beziehung (interpersoneller Aspekt)

Hier werden die interpersonellen Aspekte der Therapeut-Patienten-Beziehung qualitativ beschrieben, u.a. durch die Qualität der Zusammenarbeit. Diese basiert zum einen auf der persönlichen Involviertheit (d.h. in wie weit lassen sich Therapeut und Patient auf ihre jeweiligen Rollen ein) und der Koordination der Interaktionen (d.h. koordinieren beide die Therapie aktiv und lassen sich aufeinander ein bzw. gehen wertschätzend und anerkennend miteinander um) und zum Anderen auf der Qualität des persönlichen Rapports.

4. Selbstbezogenheit (intrapersoneller bzw. reflexiver Aspekt)

Dieser Aspekt bezieht sich auf die Selbstkontrolle, Selbstwahrnehmung und den Selbstwert des Therapeuten und des Patienten sowie die Wahrnehmung dieser Prozesse beim Interaktionspartner. Positive intrapersonelle Aspekte wären z.B. Offenheit, Zufriedenheit. Negative intrapersonelle Aspekte hingegen sind Abwehr oder Einengung.

5. Unmittelbare Einflüsse der Sitzung (klinischer bzw. pragmatischer Aspekt)

Hierbei werden unmittelbare kurzfristige Auswirkungen einer Therapiesitzung beschrieben. Positive Auswirkungen können sein, dass der Patient Zusammenhänge erkennt, Selbstwirksamkeit erfährt oder interpersonelle Konflikte löst. Negative Auswirkungen wären beim Patienten z.B. Schamgefühle, Angstgefühle und beim Therapeuten Frustrationserleben.

6. Zeitliche Muster (sequentieller Aspekt)

Hierbei werden zeitliche Muster innerhalb einer Sitzung, innerhalb aufeinanderfolgenden Sitzungen oder innerhalb einer ganzen Therapie erfasst.

Die einzelnen Wirkvariablen stehen laut Orlinsky et al. (2013) in komplexer Wechselbeziehung zueinander.

 

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Das Transtheoretische Modell der Veränderungsbereitschaft (TTM, nach Prochaska & DiClemente, 19876)


Beim Transtheoretischen Modell der Veränderungsbereitschaft (TTM) handelt es sich ursprünglich um ein Modell, anhand dessen intentionale Verhaltensänderungen, v.a. im Suchtbereich, beschrieben, erklärt, vorhergesagt und beeinflusst werden sollten. Es wurde mittlerweile jedoch auf viele verschiedene Gesundheitsverhaltensweisen adaptiert (z.B. sportliche Aktivitäten, Alkoholkonsum, Ernährung).

Das Modell teilt den Veränderungsprozess in sechs Phasen ein:
1. Precontemplation: hierbei handelt es sich um die Phase der Absichtslosigkeit, d.h. der Betroffene hat noch keine konkrete Absicht entwickelt, etwas an seinem problematischen Verhalten zu verändern (z.B. mit Rauchen aufhören)–> im therapeutischen Setting ist es in dieser Phase vor allem wichtig, den Betroffenen wenig zu drängen, ihm jedoch trotzdem Informationen zu den negativen Konsequenzen seines Verhaltens oder Konsums zu vermitteln
2. Contemplation: dies ist die Phase des Problembewusstseins und der Absichtsbildung, d.h. die Personen planen, irgendwann ihr problematisches Verhalten zu verändern. In diesem Stadium ist es vor allem wichtig, die positiven Konsequenzen einer Veränderung herauszuarbeiten.
3. Preparation: im Vorbereitungsstadium kommt es zur Veränderungsbereitschaft bei der betroffenen Person. Therapeutisch gilt es nun, realistische Veränderungsziele zu erarbeiten und zu definieren sowie erste kleine Schritte in Richtung Veränderung auszuprobieren.
4. Action: in der Handlungsphase werden dann konkrete Veränderungen in Angriff genommen und eingeleitet (z.B. Entwöhnungsbehandlung, Besuch einer Selbsthilfegruppe, Anti-Aggressionstraining).
5. Maintenance: die nächste Phase ist die Phase der Aufrechterhaltung, in der die Betroffenen bereits über einen längeren Zeitraum hinweg ihr problematisches Verhalten aufgegeben haben. Therapeutisch gilt es nun, v.a. Kompetenzen zur Bewältigung von Rückfällen aufzubauen.
6. Termination: die letzte Phase dient ebenfalls der Aufrechterhaltung und dem dauerhaften Ausstieg, d.h. das alte problematische Verhalten wurde dauerhaft aufgegeben und ein neues Verhaltensmuster konnte verinnerlicht und aufrechterhalten werden. (Dieses Stadium ist im ursprünglichen Modell von Prochaska & DiClemente nicht enthalten, sondern wurde nachträglich hinzugefügt)

Auf diesem Modell basiert auch die „klassische“ Versorgungsstruktur für Drogenabhängige.

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Verfasst von - 11. Dezember 2017 in Uncategorized

 

Die Polyvagal-Theorie


Unsere neurobiologische Reaktion auf Reize unserer Umgebung wird beeinflusst durch unser autonomes Nervensystem, welches sich nach Porges Polyvagal-Theorie, in drei Subsysteme gliedern lässt:

  1. Der ventral-parasympathische Zweig des Vagusnerves (System soziales Engagement)
  2. Das sympathische System (Kampf – Flucht)
  3. Der dorsal- parasympathische Zweig des Vagusnerves (Immobilisierungsreaktion).

Evolutionsgeschichtlich ist das System sozialen Engagements das jüngste und komplexteste der drei oben genannten Systeme unseres autonomen Nervensystems und entspricht der Zone optimalen Arousals. Es ist dafür verantwortlich, dass wir schnell auf unsere Umgebung eingehen und rasch mit anderen Menschen in Beziehung treten können. Gleichzeitig ist es in der Lage, unsere z.B. Herzfrequenz zu regulieren, ohne das hierfür das sympathische Nervensystem aktiviert werden muss. Das System sozialen Engagements steuert mittels des Musculus orbicularis oculi die Augenlider, ausserdem umfasst es die Mittelohrmuskeln, Kehlkopfmuskeln, Kaumuskeln sowie diejenige Muskulatur, welche für das Kippen und Drehen unseres Kopfes verantwortlich ist. All dies dient der Filterung sozialer Reize und ermöglicht es uns, mit unserer sozialen Umgebung in Verbindung zu treten. Wir erkennen u.a. die Prosodie (=Betonung, Rhythmus, Intonation) menschlicher Stimmen und können den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers beobachten und zuordnen. Befinden wir uns in nicht-bedrohlichen Situationen, dann hilft uns dieses System, uns flexibel anzupassen, soziale Beziehungen aufzubauen und positive Bindungen einzugehen.

Erweisen sich derartige Bemühungen in bestimmten Situationen jedoch als zwecklos, aktiviert das System sozialen Engagements automatisch unser sympathisches Nervensystem, welches etwas primitiver und unflexibler ist. Kommt dieses zum Einsatz, wird das Arousal erhöht (Bereich des Hyperarousals) und unsere Überlebensmechanismen werden aktiviert. Unser Körper mobilisiert hierbei sämtliche ihm zur Verfügung stehende Energie und bereitet sich auf eine starke Aktivität vor. Dadurch wird z.B. unsere Atmung vertieft und beschleunigt, unsere Herzfrequenz steigt an, Blut aus der Oberfläche fließt in unsere Muskeln, wohingegen die Blutzufuhr zum Kortex verringert wird, unsere Wachsamkeit gegenüber unserer Umgebung wird erhöht und Körpersysteme die wir gerade nicht benötigen (z.B. Verdauung, Sexualtrieb) werden heruntergefahren. Wir sind bereit zu kämpfen oder fliehen. Führt dieses Verhalten zum Erfolg, reduziert sich einerseits das Ausmaß der Bedrohung und andererseits werden die entsprechenden Botenstoffe, die ausgeschüttet wurden im Rahmen der Alarmreaktion (z.B. Adrenalin, Cortisol), abgebaut. Dies führt dazu, dass das Arousal wieder in den optimalen Zustand zurückfällt.

Wenn beide bisher erläuterten Systeme jedoch versagen, wird schließlich der dorsal-parasympathische Zweig des Vagusnerves aktiviert (der nicht-myelinisierte Zweig), welches gleichzeitig das primitivste und älteste System darstellt. Aktiviert wird dieser Zweig u.a. durch Hypoxie (also Sauerstoffmangel in den Körpergeweben), die Wahrnehmung, zu sterben oder intensiven und permanenten Stress. Es kommt zu einem Absinken des Arousals  in die Hypo-Arousal-Zone, zum Absenken der Herz- und Atemfrequenz, zur Muskelentspannung sowie zu Gefühlen von Taubheit und Distanz (Dissoziation). Weiterhin scheint unsere Stimme wie erstickt zu sein, so dass wir nicht in der Lage sind, zu schreien. Seine Überlebenssicherungsstrategie ist die Immobilisation, also das Erstarren bzw. Totstellen und durch die Einschränkung vieler Körperfunktionen soll Energie erhalten werden.

Was passiert, wenn das System sozialen Engagements blockiert ist? Mehr zu diesem spannenden Thema erfahren Sie auf meiner Homepage: http://traumata-verstehen-lernen.jimdo.com/trauma-und-körper/die-polyvagal-theorie/

 
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Verfasst von - 21. Oktober 2016 in PTBS, Trauma, Uncategorized

 

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Exterozeption und Interozeption


Am Anfang der Kette stehen immer erst einmal sensorische Informationen, welche wahrgenommen werden. Hierfür ist unser sensorisches Nervensystem zuständig. Einerseits nimmt es mittels unserer fünf Sinnesorgane (Augen, Ohren, Nase, Zunge und Haut) Informationen aus unserer Umwelt auf, in diesem Fall sprechen wir von der sogenannten Exterozeption. Auf der anderen Seite nimmt der interozeptive Teil die Informationen aus dem Inneren des Körpers auf. Hierzu zählt das kinästhetische Empfinden (=Lage des Körpers im Raum), das innere Empfinden (z.B. Herzfrequenz, Atmung, Körpertemperatur, Muskelspannung, Organempfindungen) und der Gleichgewichtssinn.

Exterozeption:

Von Exterozeption sprechen wir, wenn es um die Aufnahme von Informationen aus der Umwelt, mittels unserer fünf Sinne geht. Dieser Prozess kann in zwei Teilprozesse gegliedert werden:

  1. Den physischen Akt der Aufnahme von Sinneseindrücken und
  2. Die persönliche / individuelle Wahrnehmung des einzelnen sensorischen Inputs (Cohen, 1993).

Sensorische Reize, die über unsere Sinne wahrgenommen werden, gelangen in Form von elektrischen Impulsen zunächst undifferenziert ins Gehirn. Da dies in der Regel unendlich viele Reize sind, müssen diese im Anschluss gefiltert, gehemmt oder verstärkt sowie mit bereits vorhandenen Informationen abgeglichen werden. Mit Hilfe dieser Prozesse (+ dem sogenannten Orientierungsreflex) wird es möglich, unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte, für uns relevante Reize zu richten und andere Reize unbeachtet zu lassen. Somit spielen vorherige ähnliche sensorische Stimuli und unsere damit verbundenen emotionalen Reaktionen und Überzeugungen, eine entscheidende Rolle für die Aufnahme und Verarbeitung aktueller und neuartiger Reize. In diesem Zusammenhang spielt die sogenannte Priming-Funktion eine entscheidende Rolle, welche v.a. bei traumatisierten Personen häufig dysfunktional ist. Das bedeutet, dass sie wiederholt sensorische Informationen wahrnehmen, die sie mit dem traumatischen Erlebnis verbinden. Dabei übersehen sie jedoch oft, dass es gleichzeitig noch weitere sensorische Hinweise gibt, welche ihnen anzeigen, dass sie sich aktuell nicht in Gefahr befinden.

Für die Traumabehandlung spielt dieser Prozess insofern eine Rolle, dass es peritraumatische sensorische Verzerrungen gibt, mit denen sich die Betroffenen auseinandersetzen müssen. Außerdem gehört die Bearbeitung posttraumatischer intrusiver sensorischer Erinnerungsfragmente unverzichtbar zur Behandlung von Traumata.

Interozeption:

Veränderungen in unserem Körper nehmen wir als inneres (somatisches) Empfinden wahr, dazu zählen u.a. Veränderungen durch Bewegungen in unseren Sehnen, Bändern und Muskeln, biochemische Veränderungen oder Veränderungen der Atmung und Herzfrequenz.

Diese Art „sechster Sinn“ ist das Resultat der Aktivität unserer Interozeptoren, also denjenigen Nerven, welche Informationen aus unserem Körperinneren wahrnehmen und weiterleiten. Zu den Interozeptoren gehören u.a. :

  1. die sogenannten Propriozeptoren, welche uns Aufschluss über die Position unseres Körpers im Raum liefern,
  2. die Nozizeptoren, die Schmerzreize übermitteln,
  3. Thermozeptoren, die verantwortlich für die Wahrnehmung von Temperaturen sind,
  4. Das Vestibularsystem, welches unser Gleichgewichtsempfinden kontrolliert
  5. Und unser viszerales Empfinden (Enterozeption), welches uns Informationen über die Bewegungen in unseren inneren Organen vermittelt (z.B. Übelkeit, Hungergefühl, Herzrasen).

Im Normalfall laufen die Informationen der Interozeption wie somatisches Hintergrundrauschen ab, d.h. wir sind uns dessen nur selten bewusst, obwohl es immer vorhanden ist. Wenn wir jedoch unsere Aufmerksamkeit bewusst darauf lenken, dann wird es uns möglich, unsere Atmung oder unseren Herzschlag zu spüren.

Nehmen wir die somatischen Empfindungen wahr, können sie unsere Emotionen und Kognitionen beeinflussen. So kann beispielsweise ein schneller schlagendes Herz wahrgenommen und mit Angst in Verbindung gebracht werden oder aber mit einer erhöhten körperlichen Anstrengung. Und je nachdem wie es gedeutet wird, beeinflusst dies unsere emotionale Reaktion, die unweigerlich mit der körperlichen Empfindung verbunden ist.

Personen die ein Trauma erlitten haben, fühlen entweder zu viel oder zu wenig (van der Kolk, 2000). So können innerkörperliche Empfindungen als etwas sehr schmerzhaftes und überwältigendes wahrgenommen werden sowie als Hinweis auf eine akute Gefahr gedeutet werden. Hinzu kommt der Fakt, dass unter Stress die interozeptiven Empfindungen deutlich verstärkter wahrgenommen werden (Cameron, 2001). Auf der anderen Seite leiden einige Traumatisierte jedoch auch unter einer sogenannten Alexisomie, d.h. unter der Unfähigkeit, Körperempfindungen wahrzunehmen oder verbal zu formulieren (z.B. „Ich spüre meinen Körper nicht.“).

Mehr Informationen rund um das Thema Trauma und sensorisches Nervensystem finden Sie auf meiner Homepage: http://traumata-verstehen-lernen.jimdo.com/trauma-und-körper/das-sensorische-nervensystem/

 
 

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Die Orientierungsreaktion


Stellen sie sich einmal folgende Situationen vor:

  1. Sie sitzen mit einer guten Freundin gemütlich in einem schönem Restaurant beim Essen. Sie unterhalten sich angeregt miteinander. Plötzlich hören Sie hinter einen lauten Knall.
  2. Sie fahren mit Ihrem Auto über eine Kreuzung. Plötzlich werden sie von einem anderen Fahrzeug gerammt.
  3. Sie liegen Nachts in ihrem Bett und schlafen. Auf einmal vernehmen sie ein Geräusch in Ihrer unmittelbaren Umgebung. Sie öffnen die Augen und sehen einen fremden Mann mit einem Messer neben sich am Bett stehen.
  4. Sie haben vor sich ein ziemlich langweiliges und sehr kompliziert geschriebenes Fachbuch liegen, durch welches Sie sich durcharbeiten müssen, da die darin enthaltenen Informationen in der nächsten Prüfung abgefragt werden.
  5. Sie haben Kinder, die gerade allein und lautstark im Kinderzimmer spielen, während sie die Wäsche aufhängen. Auf einmal nehmen sie wahr, dass keine Geräusche mehr aus dem Kinderzimmer zu vernehmen sind.

 

Was haben alle diese Situationen nun gemeinsam? Richtig, sie lösen den sogenannten Orientierungsreflex aus. Hierbei handelt es sich um einen automatisch ablaufenden, unwillkürlichen Bottom-Up -Prozess, der unser Überleben sichern soll. Er tritt immer dann auf, wenn wir neuartige, unvorhersehbare, sehr komplexe oder für uns persönlich relevante Reize bzw. deren plötzliches Ausbleiben wahrnehmen. Er kann sowohl im Wachzustand, wie auch im Schlaf ausgelöst werden. Wir benötigen die Orientierungsreaktion, um diese Reize wahrzunehmen, weitere Informationen über diese zu sammeln und sie schließlich zu bewerten (als neutrale, positive oder bedrohliche Reize). Der Orientierungsreflex wirkt auf zwei Arten: einerseits hat er eine hemmende Wirkung, dies zeigt sich darin, dass gerade ablaufendes Verhalten kurzzeitig unterbrochen wird. Andererseits wirkt er jedoch auch aktivierend, da bestimmte Bewegungen und Rezeptororgane stimuliert werden, um somit das weitere Sammeln wichtiger Informationen der Situation zu begünstigen. Hierbei wird das Bewusstseinsfeld stark eingeschränkt und es kommt zur Fokussierung der Aufmerksamkeit.

Traumatisierte Personen haben oft Schwierigkeiten mit ihrer Aufmerksamkeit, d.h. sie sind entweder hypervigilant und suchen unaufhaltsam ihre Umgebung nach Gefahren ab, wodurch eine Fokussierung auf bestimmte Reize unmöglich wird, oder sie fokussieren sich fast zwanghaft auf einen bestimmten Reiz, wodurch sie weitere relevante Reize nicht mehr wahrnehmen können.

Unsere eigenen Überzeugungen spielen bei der Suche nach neuen Informationen eine große Rolle. Wenn wir also glauben, ein bestimmter Reiz sei gefährlich, weil wir in der Vergangenheit eine traumatische Erfahrung gemacht haben, dann führt dies in der Regel dazu, dass wir uns viel häufiger auf diese für uns potentiell gefährlichen Reize hin orientieren.

Die Orientierung kann hierbei offen oder verdeckt stattfinden. Von einer offenen Orientierungsreaktion sprechen wir, wenn es zu sichtbaren physischen Handlungen kommt, dazu zählen u.a. die Drehung des Kopfes oder Körpers sowie Augenbewegungen. Diese Handlungen werden in der Regel automatisch, reflexhaft und unabhängig vom Bewusstsein ausgelöst, sobald ein z.B. unerwarteter oder neuartiger Reiz auftaucht. Sie kann jedoch auch Top-down-Komponenten umfassen, was bedeutet, dass wir uns auch bewusst dazu entscheiden können, unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Objekte auszurichten und zu fokussieren (siehe Beispiel 4).

Die verdeckte Orientierung läuft weitestgehend ohne muskuläre Veränderungen ab und ist daher von außen nur schwer erkennbar. Sie äußert sich beispielsweise in einer leichten Veränderung des Gesichtsausdrucks oder einem veränderten Winkel in der Kopfhaltung.

Offene und verdeckte Orientierung stehen eng miteinander in Verbindung, können jedoch auch unabhängig voneinander auftreten. Während wir uns also beispielsweise einem Redner auf der Bühne offen zuwenden, können wir uns gleichzeitig z.B. innerlich mit intrusiven Bildern unseres traumatischen Erlebnisses befassen oder anderen Gedanken nachgehen oder unsere Aufmerksamkeit auf unsere Herzfrequenz richten, in der Befürchtung, einem Herzinfarkt zu erliegen.

Uns schnell und angepasst orientieren zu können auf das Hier und Jetzt ist entscheidend für unsere Informationsverarbeitung und die Integration der neu aufgenommenen Informationen. Permanent strömen Unmengen solcher Informationen auf uns ein daher ist es notwendig, diese zu filtern.

Die Fähigkeit zwischen Relevantem und Irrelevantem zu unterscheiden ist bei traumatisierten Personen häufig gestört (wir erinnern uns, sie nehmen entweder zu viel oder zu wenig auf). Dies verhindert jedoch eine adäquate Einschätzung der Situation, in der wir uns gerade befinden. So kann es passieren, dass wir einerseits gefahren-relevante Hinweisreize übersehen (Hypo-Arousal), während wir andererseits zu stark auf diese fixiert sind (Hyper-Arousal), und deshalb Stimuli, die uns signalisieren, dass wir nicht in Gefahr sind, einfach übersehen. Diese Fehleinschätzung führt wiederum dazu, dass unser zielgerichtetes Verhalten beeinträchtigt wird.

Mehr zu diesem spannenden Thema finden sie auf meiner Homepage zum Thema Trauma und Traumafolgestörungen: http://traumata-verstehen-lernen.jimdo.com/trauma-und-körper/die-orientierungsreaktion/

 

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